Mi, Dec 12, 2018
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Tabus schützen und schließen ein, sie klären und verbergen – je nachdem, aus welcher Position sie wahrgenommen und erlebt werden. Der Wert und Unwert von Tabus, ihre entwicklungsfördernde oder -hemmende Wirkung kann also nur situativ wahrgenommen werden.

In der Betrachtung der Genese der westlichen Kultur – die ja stiller Auftraggeber für die Arbeit mit Jugendlichen ist – fällt diese vieldeutige Wirkungsmacht von Tabus auf: Der Satz, der die Neuzeit begründete, jener des René Descartes: „Ich denke, also bin ich“ – er hat ebenso Klärungen und Klarstellungen bewirkt wie auch neue Tabus definiert. Offensichtlich geht eben das Eine ohne das Andere nicht. Interessant ist aber, wenn man Descartes Gedankenweg folgt, der ihn zu dieser Definition mensch­lichen Daseins hat kommen lassen: Für ihn ist die Überraschung die Wurzel allen Übels. Sie mache Menschen Angst und sie damit unfrei. Aufgabe der Gesell­schaft sei es also, Überraschungen zu verhindern und auszuschließen.

Dieser risiko-feindlichen Haltung der westlichen Kultur ist es zu verdanken, dass Fachkräfte der Prävention und Jugendarbeit – führen sie ihren gesellschaftlichen Auftrag aus – Grenzwachebeamte sind, die die der bösen Überraschung verdäch­tigte Zielgruppe lokalisieren und durch präventive Maßnahmen soweit bannen soll, dass sie ihres Überraschungspotentials beraubt sind. Die Folge: eine Prävention, die nicht Tabus diskutiert sondern Tabus schafft; und damit eine gespaltene Lebenswelt von Jugendlichen, die auf sich allein gestellt sind, den Brückenschlag zwischen Reiz und Verbot zu schaffen.

Es fällt auf, dass Prävention vornehmlich am Tag darüber redet, was vornehmlich in der Nacht geschieht – denn die meisten Tabus betreffen Verhaltensweisen und Er­lebnisse, die das Rausch- und Risikohafte, Sexualität, Drogenkonsum oder Okkultes erfahren lassen – Lebensbereiche also, die der Nacht zugeordnet werden.

Der Entwicklungsweg, der in der präventiven Jugendarbeit vor uns liegt, muss also Brücken schlagen – die Nacht zum Tage machen – und diese Brücke durch echte Bereitschaft zur Kommunikation anbieten. Der unsägliche Begriff der „Zielgruppe“ ist weiter zu entwickeln, bis aus Jugendlichen Dialoggruppen werden, die nicht mehr die (uns allen kaum bewusste) Verelendung erleben, wie sie Marianne Gronemeyer be­schreibt:: Aus dem Subjekt wird ein Objekt und in der Folge ein Projekt...

Auf diesem Weg gilt es auch Scheitern zuzulassen – dessen Möglichkeit im pädago­gischen Alltag gleichfalls tabuisiert wird. Viel zu oft wird in Projekten Jugendlichen das Heft aus der Hand genommen, wenn sie zu scheitern drohen, viel zu oft ver­bergen wir unsere Scheitererfahrungen voreinander – und damit auch die Lehren, die wir daraus ziehen konnten. Denn wenn Erfolg bestätigt, so ist es der Gewinn des Scheiterns, Veränderung zu bewirken...

Die Grundlagen und Ergebnisse der 2. Werktagung zur präventiven Jugendarbeit „tabus:bewegen:können“ sind Ihnen hier in der Folge zugänglich – wir wünschen Ihnen, dass so mancher Beitrag für Sie auf Ihrem Weg von Veränderung und Ent­wicklung gewinnbringend ist.

Gerald Koller (Tagungsleiter)

Dokumente zur Tagung 2005

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